Bericht eines Neulings

Viele Chöre in der Region klagen über Nachwuchssorgen. Besonders traditionelle Gesangvereine überaltern zusehends. Gleichzeitig aber lässt sich eine neue Lust am Singen beobachten – und das vor allem außerhalb von Vereinsstrukturen. "Rudelsingen" heißt der Trend, der inzwischen auch in hier angekommen ist.
Ich singe nicht. Niemals. Nicht mal unter der Dusche oder im Auto. Ich summe nicht mal heimlich ein Lied mit – auch wenn ich es noch so gern höre. Ich bin unmusikalisch, und das auf ganzer Linie. Der Gedanke, gemeinsam mit anderen in einem Rudel Schlager zu schmettern oder gar alte Volkslieder, liegt für mich außerhalb jeder Vorstellungskraft. Und dennoch bin ich einer Einladung zum "Rudelsingen" gefolgt. Die Devise hier: "Im Rudel klingt alles schön."
"Hoffentlich singen wir wieder ,Veronika, der Lenz ist da‘", höre ich eine fröhliche Frauenstimme sagen. Von links stimmt schon eine tiefe Männerstimme "Highway to Hell" an. Schnell wird klar: Heute Abend ist alles möglich, was eine Melodie hat. Mir steht eine Reise quer durch die Musikgeschichte bevor. Und während mehr als 200 Sangesbegeisterte es kaum abwarten können, aus voller Kehle das erste Lied anzustimmen, starre ich auf die große Leinwand, auf der die Liedtexte erscheinen sollen. Schnell noch ein kleines Stoßgebet: "Bitte keinen Schlager."
Was die Stimmbänder hergeben
Mit flinken Fingern stimmt Ritter den ersten Song an. Und während ich noch nachgrübele, um welches Lied es sich handeln könnte, taucht ein schwarzer Schriftzug auf: "Pack die Badehose ein" von Conny Froboess.
Das Publikum lässt sich nicht lange bitten. Mucksmäuschenstill, die Lippen zusammengepresst, schaue ich mich um – und stelle fest: Alles singt. Lachend stupst mich Sabine Bock an: "Sind Sie zum ersten Mal da? Einfach mitsingen – hört doch keiner." Die 56-Jährige ist bereits zum dritten Mal dabei. Rhythmisch klatscht sie in die Hände und tanzt ausgelassen. "Im Rudel klingt alles schön", ruft sie mir zu und stimmt dann kraftvoll beim Toten-Hosen-Song "Tage wie dieser" mit ein.
"Das macht richtig Spaß"
Verblüfft, aber fasziniert von so viel musikalischer Energie versuche ich meine Scheu zu überwinden. "Egal, was kommt: Beim nächsten Lied singe ich mit", nehme ich mir vor und hole tief Luft. "Die Gedanken sind frei" – der nächste Titel prangt schon auf der Leinwand. Sehr leise beginne ich zu singen, erst mit starrem Blick auf den Liedtext, dann immer lauter, mein Gesicht entspannt sich. Und ich stelle fest: "Das macht richtig Spaß."
"Es gibt kein Bier auf Hawaii" von Paul Kuhn, "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins", "Smoke on the Water" von Deep Purple – unterschiedlichstes reiht sich nahtlos aneinander. Ich singe mit. Nur bei Robbie Williams’ "Angels" muss ich wirklich passen. Ganz im Gegensatz zu Floyd Wiebusch. Der 47-Jährige wiegt sich mit geschlossenen Augen im Takt und überrascht mit einer wunderbar rauchigen Stimme. "Die Atmosphäre hier ist sensationell", sagt er und taucht wieder ein in die fabelhafte Welt der Rudelsänger.
Wie im Flug vergeht die zweieinhalbstündige musikalische Zeitreise. Noch einmal heben wir ab, schmettern "Born to be Wild", klatschen in die Hände und tanzen.
Denn was mir auf den ersten Ton als musikalischer Trimm-dich-Pfad voller Herausforderungen erschien, hat sich schnell als dynamisches, vergnügliches Erlebnis entpuppt. "Ein schöner Tag, die Welt steht still, ein schöner Tag. Komm, Welt, lass dich umarmen, welch ein Tag", summe ich noch auf dem Heimweg.

Aller au haut